Vorlesungsverzeichnis Studienabschnitt-II

Vorlesungen Sommersemester 2019
(Beginn: 24. April 2019)

 

Dogmatik – Dozent: Prof. Dr. Christoph Binninger

 De Trinitate
„Aus der Dreieinigkeitslehre, nach dem Buchstaben genommen, lässt sich schlechterdings nichts fürs Praktische machen, wenn man sie gleich zu verstehen glaubte, noch weniger aber, wenn man innewird, dass sie gar alle unsere Begriffe übersteigt. – Ob wir in der Gottheit drei oder zehn  Personen zu verehren haben, wird der Lehrling mit gleicher Leichtigkeit aufs Wort annehmen, weil er von einem Gott in mehreren Personen (Hypostasen) gar keinen Begriff hat, noch mehr aber, weil er aus dieser Verschiedenheit für seinen Lebenswandel gar keine verschiedene Regeln ziehen kann.“
(I. Kant, Der Streit der Fakultäten = WW (Weischedel) IX, Darmstadt 1971, 303 f.)
„Die ‚Revolution’ des Gottesbildes, die durch den Glauben an … den dreifaltigen Gott in der Menschheitsgeschichte eingesetzt hat, ist kaum zu ermessen. Sie hat sogar unser eigenes, christliches Bewusstsein noch nicht bis zum tiefsten Grund durchdrungen. Dass Gott ganz und gar Mitteilung, sich verströmendes Leben, dass er in sich geschlossene Seligkeit und lautere gegenseitige Hingabe ist, das dreht nicht nur das menschliche Bild von Gott um; es betrifft auch unser Selbstverständnis, unser Verständnis der Welt.“
(Kl. Hemmerle, Glauben – wie geht das?, Freiburg/ Br. 1978,147.)
Die Vorlesung möchte sich an das zentrale Geheimnis des Christentums, die Trinität, herantasten und die grundlegende Bedeutung für unsere christliche Existenz herausarbeiten. In einem I. Teil wird die biblisch-theologiegeschichtliche Entfaltung des trinitarischen Dogmas dargelegt. Im folgenden II. Teil soll die Theologie der Dreifaltigkeit systematisch entfaltet werden. (3 SWS)

Literatur:
GRESHAKE, G., Der dreieine Gott. Eine trinitarische Theologie, Freiburg/ Br. 1997.
KKD II.
Rahner, K., Der dreifaltige Gott als transzendenter Urgrund der Heilsgeschichte: MySal II, 317-404.
Augustinus, De Trinitate.

 

Patrologie – Dozent: Prof. Dr. Christoph Binninger

Kirchenväter II- Die Zeit von Kaiser Konstantin d. Gr. bis zu Augustinus
Die sogenannte „konstantinische Wende“ (313) bildet einen tiefen Einschnitt im Leben der Kirche. Eine neue Epoche beginnt. Die „Kirche der Katakomben“ wird zur Staatskirche (396). Das 4. Jahrhundert bringt auch in der Theologie eine Vielzahl prägender Gestalten hervor: Athanasius, Hilarius von Poitiers, Basilius d. Gr., Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa, Cyrill von Jerusalem, Ambrosius u. a. Eine in diesem Umfang bisher nicht erreichte systematische Reflexion über grundlegende theologische Fragen (z. B. Identität Jesu Christi, Trinität usw.) setzt ein. Ihre Frucht bilden die ersten großen Konzilien der Kirche. (2 SWS)

Literatur:
Altaner, B. / Stuiber, A., Patrologie. Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter. Freiburg/ Br. 1978.
Drobner, H., Lehrbuch der Patrologie, Freiburg/ Br. 1994.
Friedrowicz, M. Theologie der Kirchenväter. Grundlagen frühchristlicher Glaubensreflexion, Freiburg/ Br. 2007.
Friedrowicz, M., Apologie im frühen Christentum. Die Kontroverse um den christlichen Wahrheitsanspruch in den ersten Jahrhunderten, Paderborn ³2000.
Primärquellen:
Fontes christiani
BKV²

 

 Moraltheologie – Dozent: Prof. Dr. Clemens Breuer

Grundlegung der Moraltheologie
Das Gewissen in Freiheit und Bindung
Wahrheit und Lüge
Für die Grundlegung jeglichen moralischen Denkens, Sprechens und Handelns spielt das Gewissen eine entscheidende Rolle. „Das Gewissen ist die Gegenwart eines absoluten Gesichtspunktes in einem endlichen Wesen; die Verankerung dieses Gesichtspunktes in seiner emotionalen Struktur.“ (R. Spaemann) Seiner langen Tradition zufolge ist die Rede vom Gewissen jedoch weithin mit einer rätselhaften und umstrittenen Aussprache verbunden. Eingehend wird die Lehre bekannter katholischer Persönlichkeiten (Augustinus, Thomas von Aquin, John H. Newman etc.) zum Gewissen vorgetragen. Daneben werden verschiedene Stimmen zu Wort kommen, die sich von den christlichen Auffassungen über das Gewissen unterscheiden.
Die Ächtung der Lüge scheint ein vielen Kulturen verbreitet zu sein. Dennoch ist es eine weit verbreitete Auffassung unter Naturwissenschaftlern, dass nicht die Wahrheit, sondern die Lüge am Anfang der Naturgeschichte des menschlichen Verhaltens stehe. Das Wahrheitsverständnis der Moraltheologie wird angesprochen und anhand von konkreten Fragestellungen erläutert. (3,5 SWS)

Literatur
Enzyklika „Fides et ratio“ von Johannes Paul II. über das Verhältnis von Glaube und Vernunft (= Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 135), Bonn 1998 (6. Auflage 2008).
BÖCKLE, Franz, Grundbegriffe der Moral. Gewissen und Gewissensbildung, Aschaffenburg 8. Auflage 1977.
PIEGSA, Joachim, Der Mensch – das moralische Lebewesen. Fundamentale Fragen der Moraltheologie, St. Ottilien 1996, S. 310-406.
RHONHEIMER, Martin, Die Perspektive der Moral. Philosophische Grundlagen der Tugendethik, Berlin 2001.
SCHOCKENHOFF, Eberhard, Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf, Freiburg/Br. 2007.
SCHOCKENHOFF, Eberhard, Zur Lüge verdammt? Politik, Medien, Medizin, Justiz, Wissenschaft und die Ethik der Wahrheit, Freiburg/Br. 2000.
SILL, Bernhard, Phänomen Gewissen. Gedanken, die zu denken geben. Ein Textbuch, Hildesheim 1994.
SPAEMANN, Robert, Moralische Grundbegriffe, München, unveränderte 8. Auflage 2009 (1. Auflage 1982

 

AT-Exegese – Dozent: Prof. Dr. Oliver Dyma

Messianische Hoffnungen
Für die christliche Rezeption des Alten Testaments spielen messianische oder messianisch interpretierte Texte eine zentrale Rolle, auch wenn die Entwicklung messianischer Hoffnungen aus der Perspektive des Alten Testaments nicht unbedingt zentral ist. Die Vorlesung zeichnet die Entwicklung messianischer Ideen und Zukunftshoffnungen auf dem Hintergrund geschichtlicher Entwicklungen und damit verbundener eschatologischer Vorstellungen nach: wichtige Elemente der israelitischen Königsideologie, nachexilische Hoffnungen auf die Restitution der Monarchie, Entwicklung apokalyptischer Vorstellungen, erwartete Etablierung der Königsherrschaft JHWHs mit und ohne menschlichem Repräsentanten.
Besonderes Augenmerk liegt in dieser Veranstaltung auf den Prophetentexten. Über die Königspsalmen gibt es eine Querverbindung zum parallel angebotenen Seminar. (3 SWS)

Literatur:
COLLINS A. Y./ COLLINS J. J., King and Messiah as Son of God: Divine, Human, and Angelic Messianic Figures in Biblical and Related Literature, Grand Rapids, MI 2008.
DYMA O., Messianische Erwartungen im Alten Testament, in: Ruhstorfer, Karlheinz: Christologie (utb 4942), Stuttgart 2018, 15–68.
Fabry, Heinz-Josef: Altes Testament, in ders./Scholtissek, Klaus: Der Messias. Perspektiven des Alten und Neuen Testaments (NEB Themen 5), Würzburg 2002.
Fitzmyer, Joseph A.: The One Who is to Come, Grand Rapids, MI 2007.
Jeremias, Jörg: Theologie des Alten Testaments (ATD.E, GAT 6), Göttingen 2015.
Kaiser, Otto: Der eine Gott Israels und die Mächte der Welt. Der Weg Gottes im Alten Testament vom Herrn seines Volkes zum Herrn der ganzen Welt (FRLANT 249), Göttingen 2013.
Kaiser, Otto: Der Messias nach dem Alten und Neuen Testament, in: BThZ 31 (2014), 64–107.
Schäfer, Peter: Zwei Götter im Himmel. Gottesvorstellungen in der jüdischen Antike, München 2017.
Struppe, Ursula (Hg.): Studien zum Messiasbild im Alten Testament (SBAB.AT 6), Stuttgart 1989.
Waschke, Ernst-Joachim: Der Gesalbte. Studien zur alttestamentlichen Theologie (BZAW 306), Berlin 2001.
Zenger, Erich: Vom christlichen Umgang mit messianischen Texten der hebräischen Bibel, in: Stegemann, Ekkehard (Hg.), Messias-Vorstellungen bei Juden und Christen, Stuttgart 1993, 129–145.

 

AT-Exegese (Seminar) – Dozent: Prof. Dr. Oliver Dyma

Psalmen
Die Psalmen sind uns aus Liturgie und persönlichem Gebet vertraut. Mit Ihnen bringen noch heute Menschen ihre Anliegen, ihre Bitten, ihre Klagen, aber auch ihren Dank und ihr Lob vor Gott. Sie sprechen uns noch heute mit ihrer existentiellen Sprache an und können zur Grundlage eigener Spiritualität werden. Auf der anderen Seite sind Psalmen uns fremd. Sie enthalten anstößige Bilder und uns unangenehme Aussagen wie etwa die sog. Feind- oder Fluch-Psalmen. Eine reiche Fülle von Themen aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen ist in den Psalmen enthalten: Schöpfungstheologie, Königstheologie, Reflexionen über die Tora, JHWH-Königspsalmen, Psalmen für die Feste Israels … Wir wollen im Seminar mit verschiedenen Psalmen einen Querschnitt durch das Psalmenbuch legen. Die genaue Textauswahl hängt auch vom Interesse der Teilnehmer ab. Wir werfen aber auch einen Blick auf die Gesamtstruktur und die Entstehungsgeschichte des Psalters und seiner Teilsammlungen. (2 SWS)

Literatur:
Gerstenberger, Erhard S.: Arbeitsbuch Psalmen, Stuttgart 2015.
Hossfeld, Frank-Lothar – Bremer, Johannes: Trägerkreise in den Psalmen (Bonner Biblische Beiträge 178), Göttingen 2017.
Janowski, Bernd: Konfliktgespräche mit Gott. Eine Anthropologie der Psalmen, Neukirchen-Vluyn, 4. Aufl. 2013.
Schnocks, Johannes: Psalmen (utb 3473), Stuttgart 2014.
Weber, Beat: Werkbuch Psalmen I+II, Stuttgart 22016; II, III, Stuttgart 2010.
Zenger, Erich – Hossfeld, Frank-Lothar: Psalmen (Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament), 2007 und 2008.
Zenger, Erich: Psalmen. Auslegungen in zwei Bänden, Freiburg u.a. 2011.

 

Pastoraltheologie – Dozent: Prof. Dr. Veit Neumann

Gottes reale Heilszeichen in unübersichtlichen Zeiten – Zugang zu einem angemessenen Verständnis der Sakramente heute
Das Glaubenswissen in der Pfarrei hat abgenommen. Das sakramentale Leben  junger Menschen findet weniger Unterstützung als in vergangenen Zeiten, in denen die Teilhabe  an den Sakramenten selbstverständlich war. Welche Zugänge zum Verständnis für das Wesen der Sakramente gibt es, die auf diese Befunde reagieren können oder, die über das Bisherige hinausgehen?
Untersucht werden in dieser Hinsicht die Sakramente der Taufe, der Eucharistie, der Buße, der Firmung und insbesondere – angesichts neuer Herausforderungen – der Ehe. (2 SWS)

Literatur:
EMEIS D., Zwischen Ausverkauf und Rigorismus. Zur Krise der Sakamentenpastoral, Freiburg et al. 1992.
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Sakramentenpastoral im Wandel. Überlegungen zur gegenwärtigen Praxis der Feier der Sakramente – am Beispiel von Taufe, Erstkommunion und Firmung, Bonn 1993.
WAHL H., Lebenszeichen von Gott – für uns. Analysen und Impulse für eine zeitgemäße Sakramentenpastoral, Münster et al. 2008.
WOLLBOLD A., Handbuch der Gemeindepastoral, Regensburg 2004.
 

Kirchenrecht – Dozent: Prof. Dr. Christoph Ohly

Grundlagen des Staatskirchenrechts
In der Frage nach dem rechten Verhältnis von Staat und Kirche ist seit längerer Zeit von einem interessanten Begriffspaar die Rede: Laizismus und Laizität. Die Termini stehen entgegen einer vermeintlichen Synonymität für zwei differierende Ansätze. Der Begriff „Laizismus“ geht zurück auf den französischen Pädagogen Ferdinand Buisson und bezeichnet eine weltanschauliche Denkweise, die eine radikale Trennung von Kirche und Staat fordert. In seiner ersten Enzyklika betont Papst Benedikt XVI., dass dem Christentum die Unterscheidung eigen sei zwischen dem, was des Kaisers ist, und dem, was Gottes ist (vgl. Mt 22,21). Auch hier geht es um eine bereits vom II. Vatikanischen Konzil herausgestellte Unterscheidung von Staat und Kirche, um die „Autonomie des weltlichen Bereichs“ (Deus caritas est, 28), jedoch im Sinne einer „gesunden Laizität“, die dem Staat die ihm zukommende Autonomie zugesteht, zugleich aber der Kirche das Recht einräumt, „die Vernunft zu reinigen“ (Benedikt XVI.). Die Vorlesung erarbeitet mögliche Grundmodelle einer solchen rechtlich relevanten Beziehung. Mit einem Schwerpunkt auf die Rechtsverhältnisse in Deutschland kommen schließlich die damit zusammenhängenden rechtlichen Sachbereiche (Religionsunterricht, Anstaltsseelsorge, kirchliches Besteuerungsrecht, etc.) zur Sprache.

Literatur zum begleitenden Studium:
Ludger Müller / Christoph Ohly, Katholisches Kirchenrecht. Ein Studienbuch (utb 4307), Paderborn 2018, §§ 29-32.
Literatur zur Vertiefung:
Winfried Aymans / Klaus Mörsdorf, Kanonisches Recht. Lehrbuch aufgrund des Codex Iuris Canonici, Bd. I, Paderborn u.a. 1991, besonders § 6.
Freiherr v. Campenhausen, Axel , Eine systematische Darstellung des Religionsverfassungsrechts in Deutschland und Europa Ein Studienbuch, München 42006.
Freiherr v. Campenhausen, Axel / Riedel-Spangenberger, Ilona / Sebott, Reinhold. (Hg.), Lexikon für Kirchen- und Staatskirchenrecht, Bde. I-III, Paderborn u.a. 2000, 2002, 2004.
Haering, Stephan / Rees, Wilhelm / Schmitz, Heribert (Hg.), Handbuch des katholischen Kirchenrechts (3. Aufl.), Regensburg 2015, besonders§ 116-126.
Listl, Joseph / Pirson, Dietrich (Hg.), Handbuch des Staatskirchenrechts der Bundesrepublik Deutschland (2. Aufl.), 2 Bde., Berlin 1994-1995.

Rechtliche Ordnung des Heiligungsdienstes
Neben dem Eherecht gilt die rechtliche Ordnung des Heiligungsdienstes der Kirche in ihren Sakramenten und Sakramentalien als ein weiterer Kernbereich des kirchlichen Gesetzbuches. Ihnen eignet im Leben der Kirche eine herausragende Bedeutung. Diese erfordert deshalb auch eine fundierte Kenntnis der einschlägigen kirchenrechtlichen Normen. Folglich kommen in der Vorlesung sowohl alle rechtlich bedeutsamen Fragen der kirchlichen Sakramente als auch die wichtigsten Überlegungen zum Bereich der Sakramentalien zur Sprache.

Rechtsquellen:
Codex Iuris Canonici, Lat.-dt. Ausgabe, Kevelaer 62009 (= CIC/1983).
Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium, Lat.-dt. Ausgabe, Paderborn 2000 (= CCEO).
Literatur zum begleitenden Studium:
Ludger Müller / Christoph Ohly, Katholisches Kirchenrecht. Ein Studienbuch (utb 4307), Paderborn 2018, §§ 16-22.
Literatur zur Vertiefung:
Winfried Aymans / Klaus Mörsdorf, Kanonisches Recht. Lehrbuch aufgrund des Codex Iuris Canonici, III, Paderborn u.a. 2007, besonders §§ 119-132.145-151.
Ahlers, Reinhild / Gerosa, Libero / Müller, Ludger (Hg.), Ecclesia a Sacramentis. Theologische Erwägungen zum Sakramentenrecht, Paderborn 1992.
v. Campenhausen, Axel / Riedel-Spangenberger, Ilona / Sebott, Reinhold. (Hg.), Lexikon für Kirchen- und Staatskirchenrecht, Bde. I-III, Paderborn u.a. 2000, 2002, 2004.
Haering, Stephan / Rees, Wilhelm / Schmitz, Heribert (Hg.), Handbuch des katholischen Kirchenrechts (3. Aufl.), Regensburg 2015, besonders §§ 71-83.93-97.
Lüdicke, Klaus (Hg.), Münsterischer Kommentar zum Codex Iuris Canonici unter besonderer Berücksichtigung der Rechtslage in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Loseblattwerk, Essen 1985 ff. (hier cc. 834-1054.1166-1253).

 

NT-Exegese – Dozent: Prof. Dr. Hans-Ulrich Weidemann

 Zeichen und Wort. Die Semeia-Erzählungen im Johannesevangelium
Nicht umsonst gilt das vierte Evangelium in der Alten Kirche als das „geistige Evangelium“ (euaggelion pneumatikon, so Clemens von Alexandrien): Sein hohes Reflexionsniveau und seine tiefe Durchdringung von Person und Werk Jesu Christi, seine christologischen und pneumatologischen Grundeinsichten, seine literarische Meisterschaft und seine Kunst, elementare Grundaussagen des Glaubens „besonders gut formuliert zu haben“ (J. Becker), bestätigen dies in jedem Kapitel. Dies betrifft insbesondere die Erzählungen der Wunder Jesu. Aus den spektakulären „Machttaten“, mit denen der synoptische Jesus exemplarisch die Gottesherrschaft aufrichtet, sind hier hochsymbolische „Zeichen“ Jesu geworden, die die den Lesern des Evangeliums das göttliche Wesen Jesu und sein lebenschaffendes Wirken erschließen.
Gerade bei diesem hochtheologischen Buch sind aber noch deutliche Spuren seiner Entstehungssituation zu erkennen. Dies ist kein Zufall, denn die erzählte Geschichte Jesu Christi wird überblendet mit der Situation seines Trägerkreises, das Buch ist also geprägt vom „Ineinander von Vita Jesu und eigener kirchlicher Erfahrung“ (M. Theobald): So ist im Unterschied zu den Synoptikern gerade im Kontext einer „Zeichen“-Erzählung vom „Synagogenausschluss“ jener Juden zu lesen, die an Jesus glauben (9,22; vgl. 12,46; 16,1–4), zugleich ist abschätzig von „glaubenden Juden“ die Rede, die „aus Furcht“ im Synagogenverband verbleiben wollen. In den „Zeichen“ soll den Adressaten also Jesu Herrlichkeit erschlossen werden, aber auch das Schicksal derer verarbeitet werden, die wie der Blindgeborene aufgrund eben dieses Glaubens „hinausgeworfen“ werden.
In der Vorlesung werden die sieben johanneischen „Zeichen“ aus der ersten Hälfte des Evangeliums ausgelegt, indem ihre literarische Struktur und ihr christologischer Diskurs nachgezeichnet und mit der noch erkennbaren historischen Situation seines Trägerkreises und seinen zeitgeschichtlichen Denkvoraussetzungen in Beziehung gesetzt werden. (2 SWS)

Literatur (Auswahl):
BECKER J., Johanneisches Christentum. Seine Geschichte und Theologie im Überblick, Tübingen 2006.
BEUTLER J., Das Johannesevangelium. Kommentar, Freiburg u.a. 2013.
BULTMANN R., Das Evangelium des Johannes (KEK 2), Göttingen (21. Aufl.) 1986.
DIETZFELBINGER C., Das Evangelium nach Johannes I–II (ZBK 4,1/2), Zürich 2001.
SCHNACKENBURG R., Das Johannesevangelium I-IV (HThK 4/1-4), Freiburg etc. 51981.1984.41985.51986.
SCHENKE L., Johannes. Kommentar (Kommentare zu den Evangelien), Düsseldorf 1998.
SCHWANK B., Evangelium nach Johannes. Erläutert für die Praxis, St. Ottilien 32007.
THEOBALD  M., Das Evangelium nach Johannes I (RNT), Regensburg 2009.
THYEN H., Das Johannesevangelium (HNT 6), Tübingen 22015.
WELCK C., Erzählte Zeichen. Die Wundergeschichten des Johannesevangeliums literarisch untersucht. Mit einem Ausblick auf Joh 21 (WUNT 2/69), Tübingen 1994.
WILCKENS U., Das Evangelium nach Johannes (NTD 4), Göttingen 1998.
ZEILINGER F., Die sieben Zeichenhandlungen Jesu im Johannesevangelium, Stuttgart 2011.
ZIMMERMANN R. (Hg.), Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen, Gütersloh 2013.
ZUMSTEIN J., Das Johannesevangelium (KEK 2), Göttingen 2016.